Vom Treten und Zurücktreten

Tobias Goldkamp unter Allgemein am 13. Juni 2010

Preisfrage: Woran merken Sie, dass Sie nicht als Bundespräsident arbeiten? Antwort: Sie können nicht einfach die Brocken hinschmeißen, wenn Sie kritisiert werden! Horst Köhler konnte. Aber war das richtig?

Heiß wurde darüber diskutiert und spekuliert. Schon übertragen sich die Ansprüche auf die Nachfolger-Kandidaten, Christian Wulff und Joachim Gauck: Vorbild soll der Bundespräsident sein und zugleich “bürgernah”, Mensch wie Du und ich. Ist das denn so schwer?

In einer Demokratie muss auch ein Bundespräsident Kritik ertragen können. Doch dem Menschen Horst Köhler ging es, wie es uns oft geht: Kritik anderer zu ertragen, fällt schwer. Wir fühlen uns persönlich angegriffen. Wir finden die Kritik falsch, wissen aber nicht, wie wir uns wehren können. Oder wir erkennen die Kritik als richtig, sind aber zu schwach, unseren Fehler zuzugeben.

Die Parteipolitiker brauchen den Bundespräsidenten nicht zu verteidigen. Er gibt sich zu Recht überparteilich, kritisiert die Parteien sogar. Er muss zu seinen eigenen Äußerungen selbst stehen. Doch dem Menschen Horst Köhler ging es, wie es uns oft geht: Er hätte sich in einer schwierigen Lage Unterstützung und Beistand gewünscht.

Nach dem Grundgesetz ist der Bundespräsident als Garant für Stabilität gedacht. Euro- und Finanz-Krise – in solchen Zeiten hätten wir uns vom Bundespräsidenten mehr Standfestigkeit erhofft. Doch dem Menschen Horst Köhler ging es, wie es uns oft geht.

Wo finden wir Stabilität und Trost? Der Losungsspruch aus der Bibel für den 31. Mai, den Tag des Rücktritts von Horst Köhler, lautete: “Von Gott kommt es, wenn eines Mannes Schritte fest werden. Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn Gott hält ihn fest an der Hand.” (Psalm 37, 23.24)

Veröffentlicht im Stadt-Kurier vom 16.06.2010

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