Predigt von Pfarrer Thomas Schüppen zum ökumenischen Stadtgottesdienst

unter Ökumene am 19. Januar 2011

Johannes B. Kerner hat für sein gleichnamiges Fernsehmagazin ein Team mit verdorbenen Lebensmitteln losgeschickt, diese zu verkaufen. Mit versteckter Kamera bot das Team fünf Mal Dioxin verseuchte Eier und belastetes Schweinefleisch an. Sie erklärten den potentiellen Käuferinnen und Käufern in vier Restaurants und einem Großmarkt, dass die Palette Eier und das Kilo Schweinefleisch nur jeweils einen Euro koste, weil erhöhte Dioxinwerte nachgewiesen worden seien. Ein Gourmetrestaurant, ein Familienbetrieb, eine Filiale einer Fast-Food-Kette, ein Schnellimbiss. Ausnahmslos alle kauften.

Predigt von Pfarrer Thomas Schüppen, alt-katholische Gemeinde Düsseldorf, beim ökumenischen Stadtgottesdienst am 18. Januar 2011 in der Christuskirche Neuss zu Gen 33,1-4, Apg 2,42-47 und Mt 5,23F

„Schnäppchenjäger“, „Geiz ist geil“, „Ich bin doch nicht blöd!“, „20 Prozent auf alles“ … Wir kennen sie alle, diese Werbesprüche. Wir alle wissen auch, dass dabei Kinderarbeit und Ausbeutung von Menschen auf der Tagesordnung steht. Weit weg. In China. In Thailand. Da, wo wir nie hinkommen. Zumindest nicht in die Fabriken. Selbst die Herrn Harles und Jentzsch oder wie auch immer sie heißen, haben den Menschen nicht vor Augen, der vielleicht an Krebs erkrankt, damit sich das Vermögen des Konzerns erhöht. Die Restaurantbesitzerin, der Restaurantbesitzer bedient allerdings vielleicht ein paar Stunden später den Menschen, dem er verdorbenes Essen vorsetzt. Auge in Auge. Die kriminelle Energie der „Geiz-ist-geil-Mentalität“ endet nicht bei Tierquälerei, sie schreckt auch vor offensichtlicher Körperverletzung mit Todesfolge nicht zurück.

Mit Bild- und Tonaufnahmen entlarvt und auf ihr Verhalten hin befragt, war es durchaus allen peinlich. Schuldbewusstsein und schlechtes Gewissen waren allerdings nicht zu erkennen.

Nun stehe ich hier und sage Ihnen: „Ich glaube, dass wir für dieses Verhalten eine große Verantwortung tragen und dass wir uns auch mit Bild- und Tonaufnahmen konfrontieren lassen müssten.“

Es ist unsere Aufgabe, das Wort Gottes zu verkünden.

Es ist unsere Aufgabe, die Menschen bei ihrer Gewissensbildung zu unterstützen.

Es ist unsere Aufgabe, den Finger in die Wunde zu legen, wenn Profitgier das Leben von Tieren und Menschen mit Füßen tritt.

Vor allem ist es unsere Aufgabe, den Menschen zu vermitteln, dass es Größeres gibt als Reichtum und Profit.

„Zusammen glauben, feiern und beten“ macht den Menschen reicher als alles Geld der Welt.

Johannes B. Kerner lobt das Verhalten der Mitarbeiterin und des Mitarbeiters im Großmarkt. Sie haben keine Eier und kein Fleisch gekauft. Ihre Begründung lautet: Es sei ihnen zu gefährlich. Sie könnten damit auffliegen und bestraft werden.

Das Verhalten mag richtig gewesen sein, die Motivation sicher nicht. Wir sollen nicht das Richtige tun, weil wir Angst haben, für das Egoistische sanktioniert und bestraft zu werden. Richtig und Falsch müssen sich am Wohl der Menschen orientieren. Mein Handeln muss sich an der Würde des Menschen und am Respekt vor allen Geschöpfen und dem Geschenk Erde orientieren. Wir tragen schließlich Verantwortung gegenüber dem, der die Welt ins Dasein und uns ins Leben gerufen hat.

Nun werden Sie mir zu Recht antworten: Wir können doch predigen, was wir wollen. Wir werden doch nicht gehört.

Das Motto dieser Woche gibt uns eine Antwort: Wir sollen auch gar nicht predigen. Wir sollen die Menschen nicht durch Worte zu überzeugen versuchen. Wir sollen keine Abhandlungen schreiben und schon gar nicht drohen.

Aber wir können glauben, beten und feiern. Wir können leben, was wir glauben und glauben, was wir leben. „Glaubwürdig-sein“ – sich unseres Glaubens als würdig erweisen. „Authentisch-sein“ heißt das heute. Wenn die Menschen uns unseren Glauben glauben, werden sie aufmerksam sein. Aus der Apostelgeschichte haben wir es soeben gehört: Sie teilten miteinander, unterstützten die Bedürftigen, waren einmütig, brachen das Brot, feierten mit Freude, waren lauteren Herzens und lobten Gott. Und so fanden sie Wohlwollen beim ganzen Volk.

Das lässt Menschen aufhorchen. Da werden Menschen neugierig. Da fragen Menschen nach. Sie werden offen dafür, dass es im Leben mehr gibt, als Reichtum und Macht. Sie werden erleben, dass feiern reicher macht als jede Geldanlage. Sie werden spüren, dass Gott uns das Wasser zum Leben aber auch den Wein zum Genießen schenkt. Er füllt die Krüge wie bei der Hochzeit zu Kana. Er heilt Wunden wie in unzähligen Geschichten der Heiligen Schrift.

Es bleibt die Frage, warum uns nicht gelingt, was den ersten Christinnen und Christen gelang. Es bleibt die Frage, warum uns nicht gelingt, was der Communität von Taizé gelingt: Junge Menschen zu begeistern. Junge Menschen erfüllter, reicher nach Hause zurückkehren zu lassen. Es bleibt die Frage, warum uns nicht gelingt, was von den Gottesdiensten der DDR im Jahr 1989 ausging.

Es gibt viele Antworten auf diese Fragen, zweifellos.

Aber eine Antwort ist wahr und wird wahr bleiben, so sehr wir uns auch winden und wenden. Wir nehmen die Aufforderung des Matthäusevangeliums zu wenig ernst: „Wenn Du Deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt Dir in den Sinn, dass Dein Bruder etwas gegen Dich hat, so lass dort vor dem Altar Deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne Dich mit Deinem Bruder, und dann komm und opfere Deine Gabe.“

Das ist eine sehr persönliche Aufforderung an jede und jeden Einzelnen. Das ist aber durchaus auch eine Aufforderung an uns alle, an unsere Gemeinschaft und Gemeinschaften, an unsere Kirche und unsere Kirchen: „Wenn Du Eucharistie feiern willst, wenn Du Dich zum Abendmahl versammelst und es kommt Dir in den Sinn, dass Deine Schwesterkirche etwas gegen Dich hat“ …

So ist es Sonntag für Sonntag. Wir feiern, obwohl wir es uns nicht möglich ist, miteinander zu feiern. Das nimmt uns keiner ab. Wir können uns jede Moral und Ethik sparen, wenn wir als Geschwister nicht einmütig sind. Wir können jede Predigt von Menschlichkeit, Caritas, Bewahrung der Schöpfung und Liebe, ja sogar Liebe, aus dem Drucker in den Schredder stecken, wenn wir nicht lauteren Herzens miteinander feiern.

Die Menschen interessieren sich nicht für theologische Diskussionen um Amtsverständnis und Transsubstantiationslehre. Ein Wort, das kaum jemand stotterfrei aussprechen, geschweige denn verstehen kann.

Die Menschen interessieren sich dafür, wie wir unsere Auseinandersetzung lösen. Die Menschen interessieren sich dafür, ob wir uns versöhnen und wenn ja wie. Die Menschen interessieren sich dafür, ob es uns mit der Matthäusstelle ernst ist. Ob wir eine Lösung suchen, für eine Lösung beten und eine Lösung in Geschwisterlichkeit und Liebe herbeiführen. Kurzum: Die Menschen interessieren sich für unsere Glaubwürdigkeit.

Wir fallen durch in den Augen der Menschen. Und ich habe dafür vollstes Verständnis.

Es wird Zeit, dass wir uns ein Beispiel nehmen an Jakob und Esau. Die haben sich gestritten. Das nimmt uns kein Mensch übel. Wir dürfen uns streiten. Das tun alle Geschwister. Jakob und Esau haben sich versöhnt. Wir schaffen das nicht, schon seit Jahrhunderten nicht.

Nun werden mir Menschen antworten, dass ich all das sehen muss, was sich in den letzten Jahrzehnten ereignet hat. Die Konfessionen sind einander so nah wie noch nie. Ökumene ist ein Weg der kleinen Schritte. Wir brauchen Diplomatie und Beratungen und Kommissionen und Kommissionspapiere und Übereinkünfte und Erprobungsphasen. Wir dürfen einander nicht zu viel zumuten. Niemand darf überfordert werden.

Ich bin mit allem einverstanden. Aber ich füge hinzu: Wir wollen miteinander glauben, beten und feiern. Nicht mit angezogener Handbremse. Nicht halbherzig. Nicht mit extra entwickelten Formen, die schließlich allen fremd sind.

Wir wollen in jeder katholischen Kirche, ob römisch oder alt, Eucharistie feiern. Wir wollen in einer orthodoxen Kirche Eucharistie feiern. Wir wollen in einer evangelischen Kirche Abendmahl feiern.

Das ist das Zentrum unseres Glaubens. Am Brechen des Brotes werden sie uns erkennen. Wundert es uns wirklich, dass die Welt uns so oft nicht erkennt?

„Zusammen glauben, feiern und beten“ – Wenn wir um die Einheit der Christen beten, dann ist dieses Gebet Bitte um Gabe und Aufgabe zugleich.

Wir beten um die Gabe des Heiligen Geistes, der allein wahre Einheit schafft.

Wir beten um Gottes Unterstützung für die Aufgabe, die uns zukommt.

Nehmen wir diese Aufgabe wahr, um Gottes und der Schöpfung willen.

Amen.

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